Das Krippenspiel
der Weihnachtsengel
von
Ramona Schweiger
Unruhe im Klassenzimmer. Heute würden die Rollen für das
Krippenspiel verlost. Natürlich bevorzugten die meisten, die spielen
wollten, die Rollen des Josef oder der Maria. Manche wollten auch
das süße Christkind spielen. Diejenigen, die Angst davor hatten, im
Rampenlicht zu stehen, hofften, dass sie vielleicht eine Rolle im
Stall bekamen – vielleicht als Ochse, als Esel oder als eines der
Schafe.
Die Lehrerin betrat den Raum. Sie hatte eine weiße Schachtel mit
silbrig glitzernden Schneeflocken in der Hand. Sie sagte: „Guten
Morgen, ihr lieben Weihnachtsengel. Heute ist es soweit. Wir werden
die Rollen für unser alljährliches Krippenspiel auslosen. Stellt
euch bitte in einer Reihe auf und zieht dann nacheinander eine
Schneeflocke.“ Die Weihnachtsengel stellten sich aufgeregt oder eher
missmutig – letztere waren diejenigen, die nicht unbedingt
teilnehmen wollten – hintereinander an und holten sich ihre
Schneeflocke. Nachdem alle eine Schneeflocke gezogen hatten, durften
sie sie auf ihren Plätzen öffnen. Die Schneeflocke enthielt das
jeweilige Bild der Figur, die der Weihnachtsengel dann spielen
sollte.
Da
gab es auch schon die ersten Überraschungen: Ramona stieß einen
Freudenschrei aus, denn sie durfte die Maria spielen, die Rolle, von
der sie immer geträumt hatte. Florian, der ihren Gatten Josef
spielen sollte, sah dagegen gar nicht begeistert aus und suchte
schon nach einem Ersatzmann, der seinen Part übernehmen wollte. Und
das war gar nicht so einfach, denn die meisten der Weihnachtsengel
in seiner Klasse waren Mädchen. Doch sogleich sollte er seinen
Tauschpartner gefunden haben: Thomas, der Größte der Klasse, hatte
ausgerechnet die Rolle des Christkindes gezogen und schüttelte den
Kopf, während er ein undefinierbares Winseln von sich gab. Der
dritte Junge im Bunde, Matthias, konnte sich vor Lachen kaum halten.
„Basst“, war sein einziger Kommentar. Er wurde als Schaf auserkoren.
Passenderweise durfte allerdings der Lockenkopf der Klasse den
Weihnachtsengel spielen. Der Gedanke, während der gesamten
Aufführung des Krippenspiels über der Bühne zu schweben hatte schon
gewisse Reize für Vera. Auf die Details ihrer Gedanken, was sie
alles in den Proben anstellen könnte, wollen wir hier nicht weiter
eingehen. Unter den übrigen Mädchen der Klasse wurde Julia zur
Weisen gemacht und Anna fiel die Rolle eines Stalltieres zu. Aus
Emanzipationsgründen bestand diese jedoch darauf, eine Kuh und
keinen Ochsen zu spielen und nach längerem Hin und Her willigte die
debattierunwillige Lehrerin ein.
Schließlich vergingen einige Wochen. Die Proben liefen gut, endlich
hatten alle ihren Text gelernt, die Kostüme waren fertig und
angepasst, das Bühnenbild stand. Bei ihrer experimentierfreudigen
Gruppe bangte die Lehrerin allerdings, dass die Aufführung an
Heiligabend – natürlich erst nach Feierabend der berufstätigen
Weihnachtsengel – glatt über die Bühne ginge.
Nun war der große Abend gekommen. Der Vorhang ging auf. Das Publikum
freute sich wie jedes Jahr auf die Aufführung, allerdings nicht aus
dem Grund, weil es so schön war, jedes Jahr dasselbe Krippenspiel zu
betrachten, sondern eher weil eigentlich immer irgendetwas schief
lief. Und genau das war das Lustige, worauf sich alle freuten – bis
auf die Darsteller und die verantwortliche Lehrerin, die alljährlich
hoffte, dass nur ein einziges Mal alles so verlief, wie es geplant
war. Dieses Jahr schien es jedenfalls recht gut zu laufen. Die
Weihnachtsengel vergaßen ihren Text nicht und sie stolperten auch
nicht über die Bühnendekoration. Auch verbrannte sich keiner am
Feuer oder verpasste seinen Einsatz. Alle waren begeistert. Nur Vera
langweilte sich. Fast niemand achtete darauf, dass sie über dem
Bühnenbild schwebte und engelsgleiche Bewegungen machte. Nun, ob
engelsgleich oder nicht, das liegt im Auge des Betrachters. Im Lauf
des Abends begann sie aus eben genannten Gründen etwas zu schaukeln.
Das fiel nicht weiter auf. Als sie jedoch viel Spaß daran hatte und
darüber die unter ihr stattfindende Aufführung vergaß, schaukelte
sie etwas stärker. Da sie dazu noch einen Freudenschrei ausstieß,
sahen alle nach oben. In diesem Moment riss eines der beiden Seile,
die sie festhielten und aus dem Freudenschrei wurde ein
Entsetzensschrei. Das Publikum hielt den Atem an. Glücklicherweise
baumelte Vera noch am anderen Seil und kam schließlich über der
Krippe zum Stillstand. Alle atmeten erleichtert auf, dass nichts
passiert war. Doch jetzt riss auch noch das zweite Seil und Vera
krachte auf das Jesuskind, das ein Stöhnen von sich gab, als die
Krippe unter der doppelten Belastung zusammenbrach.
Nach einer kurzen Schrecksekunde brach das Publikum in begeisterten
Beifall aus. Die Aufführung wurde deshalb an dieser Stelle
abgebrochen – sie war sowieso schon fast zu Ende gewesen. Die
Lehrerin aber war am Ende mit ihren Nerven. Sie massierte ihre
Schläfen und jammerte: „Nie wieder!“
weitere Weihnachtsgeschichten von Andrea Schober:
Zwei befreundete
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Weihnachten unter dem Mistelzweig
Vielen Dank an die Ramona
Schweiger, die uns diese Weihnachtsgeschichte zur Verfügung gestellt
hat. Die Copyrightrechte liegen bei der Autorin. Copyrightrechte
Foto:
Günter Fellner |
12/2011, Weihnachtsmarkt im Reservegarten Hirschstetten