Mein Schatz Helena
von Andrea Schober
Es war einmal eine Mutter, die lebte
in der heutigen Zeit. Ihr ging es so, wie es vielen Müttern heute
geht, dass sie nicht gerne den ganzen Tag zu Hause sitzen und Kinder
hüten wollte. Sie hatte ihr einziges Kind, die 2-jährige Helena sehr
gerne, aber zu Haus fiel ihr mittlerweile immer öfter die Decke auf
den Kopf und so beschloss sie, wieder arbeiten zu gehen und ihr Kind
derweilen zu einer Tagesmutter zu geben.
Die
Familie hatte auch einen Vater namens Roland, der sich allerdings
wenig um familiäre Angelegenheiten kümmern wollte. Roland hatte
seine Arbeit und es stand für ihn bereits vor der Geburt von Helena
fest, dass er, wenn Helena auf der Welt war, auch weiter seiner
Arbeit uneingeschränkt nachgehen wollte. Er war ein Mensch, für den
seine Arbeit der Mittelpunkt des Lebens war. Um 8 Uhr morgens ging
er aus dem Haus und abends kam er meist erst um 21 Uhr wieder heim.
Den ganzen Tag über war die Mutter, die Karin hieß, alleine mit dem
Kind zu Hause. Natürlich besuchte sie verschiedene Kurse für Mütter
mit kleinen Kindern oder ging schon mal zu einer Freundin, aber wenn
sie nach Hause kam, war alles so leer. Die Arbeit zu Hause musste
erledigt werden und das Kind versorgt werden, aber außerhalb war
niemand, der sich für das, was sie tat, interessierte. Es war ja
selbstverständlich, was sie tat und Anerkennung gab es dafür nicht.
Es war nicht so, dass sie sich nicht gerne um das Kind kümmerte und
mit ihm spielte. Aber es fehlte ihr trotzdem etwas. Häufig, wenn sie
sich abends hinlegte, überlegte sie, was es denn eigentlich war, was
ihr fehlte.
Dann
fielen ihr Dinge ein, wie dass eigentlich die ganze Strasse, die
ganze Umgebung in der sie wohnte, ziemlich tot war. Alle Erwachsenen
gingen arbeiten von morgens bis abends. Die Kinder waren in einer
Betreuung untergebracht. Die älteren Menschen saßen tagsüber fast
nur in ihren Häusern und man sah kaum mal jemanden im Garten.
Ihre
Eltern wohnten weiter entfernt. Am Anfang, als Helena noch ein Baby
war, kamen sie öfters zu Besuch, aber jetzt nur noch selten.
Eigentlich war Karin darüber auch gar nicht so traurig, weil sie
sich immer in alles einmischten und Karin alles nicht gut genug
machte.
Was
ihren Mann betrifft, war dieser abends nach der Arbeit immer müde
und geschafft, redete höchstens von seinen Problemen auf der Arbeit
und den Dingen, die er morgen unbedingt noch erledigen musste. Karin
fand das alles furchtbar. Er interessierte sich nicht dafür, wie sie
den Tag verbrachte oder welche Fortschritte Helena heute wieder
gemacht hatte.
Sie
beschwerte sich häufig über sein Desinteresse an der Familie. Er
regte sich dann jedoch immer gleich auf, weil er schließlich das
Geld für die ganze Familie verdienen musste. Sie dagegen hätte den
ganzen Tag für sich und das Kind Zeit. Er hielt sie für undankbar
und ungerecht und es war nicht selten, dass solche Gespräche in
Streit endeten.
Karin
wollte nicht mehr so weiter leben und entschied sich
schnellstmöglich wieder arbeiten zu gehen. Es tat ihr bei dem
Gedanken immer sehr weh, dass sie Helena jetzt schon in fremde Hände
geben musste, aber sie glaubte fest daran, dass sie eine gute und
fürsorgliche Tagesmutter finden würde.
Sie
informierte sich in ihrem Bekanntenkreis und fand schnell eine Frau,
die Helena mit in ihre Gruppe aufnehmen wollte.
Am
ersten Tag, als Karin Helena zur Tagesmutter fuhr, hatte sie ein
komisches Gefühl im Bauch. Sie redete sich selber gut zu: „Es wird
Helena sicher dort gut gefallen. Sie hat dort Spielkameraden und
wird sicher bald gerne dort hingehen.“
Karin
ging mit Helena in das Haus der Tagesmutter und wollte erst noch
etwas dort bleiben, damit sich Helena etwas einleben und an die
neuen Gesichter gewöhnen konnte.
Zuerst
setzte sich Helena auf Karins Schoß und beobachtete die anderen
Kinder. Nach kurzer Zeit stand sie auf, holte sich ein Spielzeug und
setzte sich damit wieder auf Karins Schoß. Nach 20 Minuten stand
Helena auf, nahm ihre Mutter an der Hand und wollte ihr das
Bobby-Car zeigen, was sie in einer Ecke des Raumes entdeckt hatte.
Karin folgte ihr. Helena stieg auf das Fahrzeug und Karin sollte sie
anschieben. Das tat sie dann auch und schon kurz darauf konnte sich
Helena alleine mit dem Fahrzeug fortbewegen. Sie schaute immer
wieder zu Karin, lachte und winkte ihr zu. Karin wartete noch einige
Minuten, dann hielt sie es für den richtigen Zeitpunkt, sich zu
verabschieden. Sie sagte zu Helena, dass sie jetzt gehen müsste und
später kommen würde und sie abholen würde. Helena könnte solange mit
den anderen Kindern hier spielen und die Tagesmutter Frau Braun,
würde solange auf sie aufpassen.
Kaum
war Karin ein paar Schritte Richtung Tür gegangen, sprang Helena
erschrocken vom Bobby-Car auf. Sie schaute Karin unverständlich an
und schrie: „Ich komme mit!“ Karin sagte, dass sie jetzt nicht
mitkommen könnte, weil sie heute etwas wichtiges erledigen müsste.
„Ich komme Dich nachher wieder abholen“, sagte Karin, setzte Helena
wieder aufs Bobby-Car, gab ihr einen Kuss und verschwand schnell
durch die Haustür. Kaum war sie draußen liefen ihr die Tränen übers
Gesicht. Was sollte sie nur tun, hoffentlich würde sich Helena bald
beruhigen, sie kam sich selbst so fremd vor, aber sie konnte jetzt
nicht zurück. Also stieg sie in ihr Auto und fuhr nach Hause.
Karin
wollte sich heute über offene Stellen in ihrem Beruf informieren und
verschiedene Telefonate führen. Doch immer, wenn Sie wieder einen
Moment zur Ruhe kam, schien ihr das Haus noch ruhiger und leerer als
sonst. Sie hatte das Bild von Helena vor Augen, wie sie fröhlich
durch das Haus lief und ihr immer wieder dieses und jenes zeigte.
Karin konnte sich einfach nicht mehr konzentrieren. Sie dachte nur
daran, was Helena jetzt wohl machen würde. Hoffentlich saß sie nicht
in einer Ecke und weinte nur. Karin schaffte an diesem Tag nicht
viel, von dem, was sie sich vorgenommen hatte. Um drei Uhr
nachmittags hielt sie es nicht mehr aus. Sie fuhr zu Frau Braun um
zu sehen wie es Helena ging. Frau Braun öffnete die Tür. Als Helena
Karins Stimme hörte, stürmte sie auf Karin zu und umfasste ihre
Beine. Sie rief: „Mama, nimm mich mit, nimm mich bitte wieder mit,
ich will mit Dir nach Hause gehen.“ Karin stand wie angewurzelt in
der Tür, kreidebleich wurde sie im Gesicht. Sie hatte ja schon ein
ungutes Gefühl, aber doch insgeheim gehofft, dass Helena sich in der
Zwischenzeit etwas eingelebt hatte. Karin umarmte Helena und nahm
sie hoch. Helena klammerte sich an ihren Hals und Karin hatte Mühe
ihre Sachen noch einzusammeln. Dann fuhr sie mit Helena nach Hause.
Sie
hatte das Gefühl, es war der schrecklichste Tag in ihrem Leben. Sie
wusste nicht was sie machen sollte. Würde Helena sich mit der Zeit
an Frau Braun gewöhnen und vielleicht alles mit der Zeit besser oder
würde jeder Morgen nun eine Katastrophe und jeder Abend ein neuer
Schlag ins Gesicht. Sie kam sich so schlecht vor, dass sie sich für
eine Rabenmutter hielt. Aber warum nur sie? Als ihr Mann abends
heimkam und Karin ihm von dem schrecklichen Tag erzählte, sagte er
nur: „Was hast Du denn erwartet. Natürlich fällt es Helena am Anfang
schwer. Aber da muss sie durch und Du auch. Du wirst schon sehen, es
wird jeden Tag besser.“ Karin fand das, was Roland sagte ziemlich
kalt. Aber vielleicht hatte er auch recht. Sie wollte doch nicht
gleich aufgeben, weil der erste Tag so schwer war. So entschied sie
sich morgen einen neuen Versuch zu starten.
Als
Karin und Helena am nächsten Morgen gerade im Auto saßen, kam von
Helena gleich die Frage: „Wo fahren wir denn heute hin?“. Karin
hatte einen Kloß im Hals und konnte kaum sprechen. Schließlich
versuchte sie so ruhig wie möglich zu sprechen: „Ich bringe Dich
heute noch mal zu Frau Braun, es wird Dir dort heute sicher schon
viel besser gefallen als gestern.“
Helena
aber schrie: „Nein, Mama, ich will nicht mehr zu Frau Braun. Ich
will bei Dir bleiben.“
Karin
fühlte sich plötzlich so eingeengt, ihr schlug das Herz bis zu Hals,
doch sie versuchte sich zu beherrschen. Sie sprach zu Helena: „Du
bist doch erst einmal dort gewesen und beim ersten Mal ist immer
noch alles so fremd und neu. Heute kennst Du alle Kinder schon ein
bisschen und auch die Frau Braun. Ich fahre selber auch nicht nach
Hause. Ich fahre heute in die Stadt und habe dort viel zu tun.“
Helena
schaute auf ihre Handschuhe und zupfte an ihnen herum, zog erst den
Daumen lang und dann versuchte sie durch die Wolle hindurch die
anderen Finger zu berühren. Sie sagte nichts mehr. Ließ sich von
Karin bei Frau Braun abgeben und setzte sich dort gleich auf das
Bobby-Car. Karin kam gar nicht mehr mit ins Haus, weil sie
befürchtete, dadurch würde alles noch schlimmer werden. Sie fuhr in
die Stadt und bemühte sich hauptsächlich an das zu denken, was sie
zu tun hatte. Unterwegs fiel es ihr leichter sich abzulenken und sie
holte Helena heute erst um 17 Uhr bei Frau Braun ab.
Helena
kam wieder gleich angelaufen als sie Karin hörte. Heute umarmte sie
Karin aber nur kurz und lief dann gleich zur Tür hinaus. Karin
setzte sie ins Auto, holte dann noch schnell ihre Sachen und fuhr
mit ihr nach Hause. Sie war erleichtert , dass heute alles doch
leichter ging als gestern, fand es aber etwas merkwürdig, dass der
Unterschied so krass war. Zu Hause setzte sich Helena zu ihrer Puppe
und blieb dort sitzen bis Karin das Abendbrot fertig gemacht hatte.
Sie war leiser als sonst, aber schließlich begann sie doch richtig
mit der Puppe zu spielen.
Am
nächsten Morgen, wollte Helena ihre Puppe mitnehmen zu Frau Braun,
Karin hatte natürlich nichts dagegen. Helena schien schon verstanden
zu haben, dass sie nun öfters zu Frau Braun fährt. Sie erzählte
morgens im Auto nicht viel und ließ sich ohne Protest bei der
Tagesmutter abgeben. Als Karin tagsüber bei Frau Braun anrief und
sich informierte, sagte Frau Braun, dass sie zwar nicht viel mit den
anderen Kindern spielt aber einen zufriedenen Eindruck machte. Sie
sprach mit ihrer Puppe, kochte ihr Essen, sang ihr Schlaflieder vor.
So
ähnlich verliefen nun die meisten Tage. Karin hatte bald
Vorstellungsgespräche und ein paar Wochen später gar eine Stelle
gefunden. Die Wochentage verliefen so, dass Karin Helena morgens zur
Tagesmutter brachte, arbeiten ging und abends um 17 Uhr Helena
wieder abholte. Dann richtete Karin das Abendessen her, räumte die
Küche auf und Helena beschäftigte sich alleine. Natürlich redeten
sie auch miteinander, aber nicht mehr so viel wie früher. Karin war
nun auch mit den Gedanken bei Ihrer neuen Stelle und froh dass
Helena sie mehr in Ruhe ließ. Um 19 Uhr brachte sie Helena ins Bett.
Das
ging einige Wochen so. Schließlich kam Weihnachten näher. Karin
dachte darüber nach, was sie Helena schenken könnten. Helena hatte
in der letzten Zeit gar nicht mehr so viel Spaß an den Spielsachen,
die sie besaß. Jetzt waren es nur noch drei, vier Teile mit denen
Helena sich immer wieder beschäftigte und die restlich Spielsachen
schaute sie nicht mehr an. Karin fragte Helena einmal ganz nebenbei,
ob sie ein paar neue Sachen für die Puppe brauchen könnte, sie hätte
ja jeden Tag das Gleiche an.
Helena
schaute sie erschrocken an. Zum ersten Mal nach langer Zeit, war
wieder dieser Schreck in ihrem Blick und ihrer Stimme. „Nein Mama“,
sagte sie, „die Mona möchte nichts anderes zum Anziehen und ich
möchte das auch nicht. Ich möchte das Mona immer Mona ist und immer
wie Mona aussieht.“
Karin
ließ nicht locker. Aber vielleicht möchte Mona ja ein paar neue
Spielsachen?
Helena
sagte: „Nein, Mona braucht keine Spielsachen, sie hat ja mich und
ich brauche auch keine Spielsachen, ich hab’ ja Mona.“
Karin
bekam wieder dieses komische Gefühl im Bauch, was hatte das jetzt
wieder zu bedeuten, jetzt wo alles sich in ihrem Leben ändern
sollte, jetzt, wo sie die Stelle neu angefangen hatte. War jetzt
doch alles nicht so gut wie sie dachte? Sie wusste nicht, was sie
von Helenas Worten halten sollte oder wollte sie sie einfach nicht
verstehen?
Karin
legte sich hin, sie fühlte auf einmal wieder diese Leere. Sie
schloss die Augen und auf einmal kamen ihr die Bilder von vor drei
Monaten wieder in den Kopf. Sie sah Helena, wie sie im Haus
herumlief und ihr ihre Spielsachen zeigte und dann dachte sie an
jetzt, wie sie mit ihrer Puppe in der Ecke saß und mit ihr leise
spielte.
„Nein“, schrie sie plötzlich auf, „nein, das ist nicht mein Leben!
Helena, Helena ist mein Leben“. Vor einem Moment auf den anderen
packte sie eine Gewissheit: „Ich werde gleich morgen hingehen und
alles wieder rückgängig machen. Helena bleibt wieder bei mir zu
Hause. Ich werde mit ihr basteln und spielen. Ich backe mit ihr
Weihnachtsplätzchen und wir werden zusammen die Küche vollkleckern.
Helena wird wieder durchs Haus laufen und zu mir kommen mit ihren
Spielsachen und mir werden vor Freude die Tränen über die Wangen
laufen.
Ich
werde mir nicht mehr leer und verlassen vorkommen, weil ich ja den
tollsten Schatz im Leben habe, den ich mir nur wünschen kann: meine
Tochter. Später kann ich immer noch arbeiten, aber auf keinen Fall
jetzt.
Auf
einmal spürte sie, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel und sie weinte,
weil sie so berührt war von ihren eigenen Gefühlen.
Jetzt
wollt Ihr sicher noch wissen, wie es Helena ergangen ist. Helena
stand am nächsten morgen wieder mit ihrer Puppe im Kinderzimmer als
Karin sie in den Arm nahm und zu ihr sagte: „Helena, Du darfst heute
wieder bei mir bleiben.“ Helena schaute sie erstaunt an und fragte:
„Ist heute Wochenende?“ Darauf antwortete Karin: „Nein, mein Schatz,
heute ist kein Wochenende. Du darfst jetzt wieder jeden Tag bei mir
bleiben, bis Du groß genug bist und in den Kindergarten gehen
kannst. Helena fragte. Ist das auch wahr, brauche ich auch morgen
nicht zu Frau Braun und übermorgen nicht.“ Karin sagte: „Nein, auch
dann nicht“. Helena schaute sie nochmals an, dann stürzte sie sich
auf Karin, umfasste ihre Beine und sagte „Ich hab Dich so lieb, ich
will immer bei Dir sein“.
Und
Karin sprach: „Ich habe Dich auch so lieb und Du hast mir auch so
gefehlt.“ Helena setzte sich auf Karins Schoß und sprach: „Dann ist
es ja gut, dass wir uns beide wiederhaben.“
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