Paula überlebt
Weihnachten
von
Barbara Pronnet
Auf
einem kleinen Bauernhof, der schon bessere Zeiten gesehen hatte,
lebte noch der alte Hund Bello, die Kuh Frieda, Kater Max und die
Gans Paula.
Als Paula geboren wurde,
bedauerte sie bald kein Schwan geworden zu sein. Sie putze sich
pausenlos ihre weißen Federn, fraß nur die Hälfte des grässlichen
Futters und achtete streng auf ihre Linie, indem sie jeden Tag einen
strammen Marsch um den Hof watschelte. Sie war eitel und vornehm.
Eine arrogante Gans, ein Möchte-Gern- Schwan eben.
Das missfiel natürlich auch der Bäuerin.
„So a dürres Vieh mog koana zu Weihnachten“ schimpfe sie bereits
letztes Jahr im Stall bei der Fütterung, als sich die anderen Gänse
auf die alten Kartoffelschalen stürzten. Paula saß hochschnäbelig
auf einer alten Holzkiste und schaute verachtend ihren Artgenossen
beim Schlemmen zu.
Das wird euer Todesurteil,
ihr dummen Gänse. Paula erinnerte sich noch gut. Die Gänse bekamen
in der Zeit besonders viel zu fressen und als es immer kälter wurde
und zu schneien begann, waren die Gänse plötzlich weg. Der
rotgesichtige Bauer, er lebte damals noch, packte sie an den Hälsen
und steckte sie in eine Transportkiste und fuhr mit ihnen weg. Eine
dicke besonders dumme Gans, Paula konnte sie nicht ausstehen, wurde
in die Küche gebracht und als der Christbaum geschmückt in der Ecke
stand, lag diese bereits knusprig braun gebraten in dem Bräter auf
dem Herd.
Mit mir nicht, beschloss Paula darauf und zog ihr strenges
Fitnessprogramm gnadenlos durch.
Jetzt stand wieder
Weihnachten vor der Tür. Es wurde kalt und es roch nach Schnee. Die
alte Bäuerin lebte alleine auf dem Hof und kümmerte sich mehr
schlecht als recht um das Gehöft und die Tiere. Sie hustete zum
Steinerweichen. Der Kater hatte sich längst auf dem Nachbarhof
niedergelassen und kam nur noch sporadisch vorbei.
Paula spürte die Gefahr.
Weihnachten war ein Fest des Grauens für Gänse. Die Bauersfrau hatte
ihr gestern das Fressen gebracht und sie genau beäugt.
„Diesmal bist fällig, für mich reichts, du depperte Gans“ und
verließ hinkend den Stall.
„Brings hinter dich“ knurrte
der alte Hund und schlief wieder ein. Die Kuh fraß wortlos ihr Heu
und schaute Paula mit traurigem Blick an. Es war auch wirklich kein
Vergnügen mehr. Ihre Artgenossen fehlten ihr, auch wenn Paula das
ungern zugab. Sie fror unter ihrem Federkleid. Eine schlanke Figur
war im Winter ein Fluch. Eine schlimme Zeit kam auf sie zu und sie
fühlte ihr nahes Ende.
Am nächsten Morgen hörten die Tiere das Husten der Bäuerin bis in
den Stall.
Die erstickt sicher bald,
dachte Paula und schämte sich für ihre Gedanken. Was sollte denn aus
den anderen werden? Sie selber wurde sicher vorher noch verspeist
und hatte es überstanden.
Sie hörten plötzlich die
alte Bäuerin reden, krächzend und schnell. Dann wieder dieser
schlimme Husten. Im Stall war es vollkommen still. Bello und Frieda
warteten auf ihr Fressen und Paula auf ihren Gang zum Schafott in
den Bräter.
Nach einer Ewigkeit kam ein
Auto mit Blinklampe und machte einen Höllenlärm. Paula watschelte zu
der offenen Stalltür und sah wie eine Frau und zwei Männer der
Bäuerin in den Wagen halfen. Dann verließ das Auto den Hof in
Windeseile.
„Sie ist weg“ sagte Paula zu
den anderen. „Naja die kommt sicher gleich wieder, so zäh wie die
ist.“
Sie warteten den Nachmittag
und die ganze Nacht. Am nächsten Morgen verspürte sogar Paula
leichten Hunger.
„Ich schau mal nach“. Paula
verließ den Stall und sah, dass die Tür zum Haus angelehnt war.
Neugierig spähte Paula hinein in die gute Stube. Auf dem großen
Holzofen thronte der Bräter.
Der Sarg steht also schon da. Eigentlich kann ich schon mal
Probesitzen, dachte sie grimmig.
Galgenhumor war schon immer
Paulas Stärke und sie flatterte auf den Tisch und hüpfte rüber auf
den Herd. Wenigstens hatte die Alte ihn schön geputzt. Paula graute
vor Dreck. Zumindest will ich hübsch sterben, dachte sie und stieg
vorsichtig in den Bräter. Erhaben und stolz blickte Paula von oben
herab durch die Wohnstube und ihr kleines Gänseherz begann auf
einmal heftig zu schlagen.
Soviel Entbehrung und
Kasteiung hast du dir angetan und jetzt wirst du doch sterben wie
alle anderen. Die Alte kam sicher mit einem Mordshunger nach Hause
und warum sollte ich sie nicht überraschen? Sie kann mir gleich
hier den Hals umdrehen und ich habe zumindest noch meinen Triumph
und zeige ihr meinen Mut.
Paula fühlte sich sehr
schlecht und müde. Das alles war auch wirklich der Horror. Sie
schloss ihre Augen und begann einzudösen. Sie träumte von einem
herrlichen blauen See und sah sich mit wunderschönen Schwänen darin
schwimmen. Es war wie im Märchen.
Paula hörte nicht den Wagen
der in den Hof fuhr. Eine Frau, ein Mann und zwei kleine Mädchen
stiegen aus und gingen zu dem Haus. Sie betraten die Stube und in
diesem Moment wachte Paula auf.
Sie erstarrte, konnte sich
vor lauter Schreck nicht rühren. Der Familie ging es wohl genauso,
denn sie schauten auf die Gans im Bräter und konnten es nicht
fassen.
Doch dann lachten sie alle schallend und konnten nicht mehr
aufhören.
„Sie dir das an“ sagte die Frau mit Tränen in den Augen zu ihrem
Mann “der Weihnachtsbraten begrüßt uns schon“.
Die vier kamen vorsichtig
auf Paula zu und der Mann sagte freundlich.
„Keine Angst, kleines
Gänschen. Wir machen uns nix aus Fleisch, bei uns gibt’s Fisch zum
Fest. Und so schlank und pfiffig wie du bist, behalten wir dich als
Unterstützung für Bello.“
„Die Oma ist im Krankenhaus und muss dann ins Heim und wir wohnen
jetzt hier und kümmern uns um den Hof“ sagte eines der Mädchen und
streichelte vorsichtig Paulas zitterndes Federkleid.
Paula erlöste sich langsam
aus ihrer Starre, stieg schnell aus dem Bräter und flatterte in
Richtung Ausgang. Ihr hatte es die Sprache verschlagen. Schnell
huschte sie zurück in den Stall und viel dort vor den anderen in
eine gnädige Ohnmacht.
„Siehst du, nix Fressen ist schlecht für die Nerven“ knurrte Bello
zu Frieda und schlief wieder ein.
Am Heiligen Abend, der Stall
war gereinigt, die Tiere gefüttert, hörten diese plötzlich ein
Singen.
„Oh du fröhliche ,oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“.
Paula wurde neugierig. Sie
ging zu dem Haus und sah durch das kleine Fenster. Die Familie saß
am Tisch und verzehrte ihre Forellen mit Kartoffelsalat. Sie lachten
und ließen sich das gute Essen schmecken. Ein herrlich geschmückter
Christbaum funkelte in der Ecke.
Eine nette Familie ist das,
vor allem sind alle so schlank, dachte Paula zufrieden.
Weihnachten ist eigentlich schön, besonders wenn man es erleben
darf, freute sie sich.
Sie hatte heute eine Ausnahme gemacht und das hochwertige Futter,
welches ihr gereicht wurde, komplett aufgefressen. Ein kleiner
Rundgang um den Hof ist sicher gut für die Verdauung und sie konnte
gleich noch nach dem Rechten sehen.
Paula schüttelte zufrieden
ihr weißes Federkleid, streckte ihren langen Hals und watschelte
stolz durch die sternenklare stille Winternacht in eine glückliche
Zukunft.
Vielen Dank an die Schriftstellerin Barbara
Pronnet, die uns diese Weihnachtsgeschichte zur Verfügung gestellt
hat. Die Copyrightrechte liegen beim Autor.
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