Der
Weihnachtsmann wischte sich unauffällig mit dem Mantelärmel über die
Augen, nachdem er die letzten Worte niedergeschrieben hatte.
„Meinst du,
er bekommt den Brief noch?“
„Mach dir
keine Sorgen, ich werde ihn ihm persönlich überbringen“, versprach
der Weihnachtsmann.
„Vielen
Dank“, jubelte Lisa und umarmte den Weihnachtsmann innig. „Irgendwie
bist du auch ein wenig wie der Weihnachtsmann“, sagte sie mit einem
herzlichen Lächeln. „Dir fehlen nur ein paar Haare.“ Dann wandte sie
sich um und rannte aus der Küche hinaus. „Svenja, Tim, ich muß euch
etwas erzählen“, rief sie.
In der
Küche blieben der Weihnachtsmann und Stuka allein zurück. Die Gans
sah den Weihnachtsmann fragend an. Irgendwie spürte sie, daß gerade
etwas Bedeutsames passiert war. „Mach’s gut Stuka, und grüß deinen
Schwarm von mir“, sagte der Weihnachtsmann mit warmer Stimme,
während die Küchenuhr auf achtzehn Uhr umsprang. Seine Zeit hier war
abgelaufen. Eine Wolke aus glitzernden Sternenstaub in allen Farben
des Regenbogens entstand plötzlich aus dem Nichts und schmiegte sich
um den Weihnachtsmann, so daß Stuka erschrocken schnatterte.
Im
Wohnzimmer hatte Lisa inzwischen berichtet. „Na dann laden wir ihn
doch zum Dank zum Abendessen ein“, sagte Svenja und begab sich zur
Küche, gefolgt von Lisa und Tim. „Hätten Sie Lust....“, begann sie
und brach jedoch ab, als sie erstaunt feststellte, daß der Fremde
verschwunden war. Nur Stuka, die einen leicht verstörten Eindruck
machte, stand inmitten der Küche und blickte sich um, als suche sie
etwas.
„Wo ist er
hin?“, fragte Svenja erstaunt. Das Küchenfenster war verschlossen,
und der Weg über die Haustür führte unweigerlich über das
Wohnzimmer. Er konnte unmöglich verschwunden sein. „Das ist geradezu
unheimlich“, sagte Svenja, die fragend zu Tim hinüber sah, doch der
zuckte auch nur ratlos mit den Achseln. Beide fragten sich
insgeheim, ob hier nicht mehr als bloßer Zufall im Spiel war. Aber
es laut auszusprechen, trauten sie sich nicht. Lisa hingegen hatte
solche Probleme nicht. Wenn sie es recht überdachte, gab es hierfür
nur eine Erklärung, und die war so wunderbar, daß Lisa sie kaum
fassen konnte.
„Vielleicht
war er ein Helfer des Weihnachtsmannes oder vielleicht...“, sie
stockte kurz, „war er sogar der Weihnachtsmann
selbst“,
führte sie den Satz ehrfürchtig zu Ende.
„Nat,
nat, nat!“, pflichtete ihr Stuka mit Nachdruck bei.
„Steht die
Reiseroute fest?“, fragte der Weihnachtsmann. Mit Stolz betrachtete
er den prächtigen Schlitten, dessen Ladefläche vor Geschenken
überquoll. Gleich sechs Rentiere hatte sein umsichtiger Helfer
Ruphus diesmal davor angespannt.
„Alles
einprogrammiert, Chef“, bestätigte Ruphus.
„Keine
Geschenke vergessen?“
„Alle
Wünsche wurden berücksichtigt“, beeilte sich Zwolgo zu versichern,
der unter einem Stapel von Listen zu versinken drohte.
„Gut, gut“,
freute sich der Weihnachtsmann. Voller Vorfreude kletterte er auf
den Schlitten hinauf, wo ihn Ruphus bereits erwartete. Ein Blick
über den Platz bestätigte ihm, daß die Abfahrt wie jedes Jahr von
keinem der Bewohner des Weihnachtsdorfes versäumt wurde. Von überall
winkten ihm Elfen und Zwerge zu. Kleine Fahnen wurden geschwenkt,
und ein stimmungsvolles Nordlichtspektakel sorgte im Hintergrund für
den angemessenen Rahmen.
„Also dann
los“, sagte der Weihnachtsmann, worauf Ruphus den Befehl weitergab
und der Schlitten sich auf einer Wolke von Sternenstaub unter dem
Jubel der Zurückbleibenden in den Himmel hob. „Wir müssen übrigens
noch einen kleinen Umweg einplanen“, wandte sich der Weihnachtsmann
an Ruphus, dem Schlimmes schwante. Wenn der Weihnachtsmann so
anfing, stand ihnen in der Regel ein haarsträubendes Abenteuer
bevor. „Ein junger Gitarrenspieler in Hamburg braucht meine Hilfe.
Es ist wirklich nur ein klitzekleiner Umweg...“
Vingo und
Zwolgo blickten in selten stummer Eintracht dem kleiner werdenden
Schlitten hinterher. Doch dann stutzten sie plötzlich. Normalerweise
wurde das Entschwinden des Weihnachtsmanns in den nächtlichen
Polarhimmel mit einem klassischen Weihnachtslied verabschiedet, das
der Weihnachtsmann jedes Jahr neu aussuchte. Aber das, was nun
plötzlich wie von Zauberhand erklang, hatten sie noch nie gehört.
„Driving home for Christmas....
With a thousand memories....“
Ende
Fröhliche Weihnachten, und wenn Euch im Weihnachtstrubel der
Kaufhäuser ein gestreßter Weihnachtsmann begegnet, habt Mitleid mit
ihm. Man kann nie wissen, wer sich hinter der Maske verbirgt.
Euer
Klaus-Peter Behrens